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Hrubesch vor Heimkehr: „RWE-Emblem im Herzen“

MSPW-Interview mit dem U 21-Nationaltrainer für DFB.de.

Am Dienstag (ab 18 Uhr, live bei Eurosport) kehrt Horst Hrubesch (63) an den Ort zurück, an dem einst seine eindrucksvolle Karriere begann. Als Trainer kämpft er mit der deutschen U 21-Nationalmannschaft an der Essener Hafenstraße im Play-Off-Rückspiel gegen die Ukraine um die Teilnahme an der Europameisterschaft 2015 in Tschechien. Nach dem 3:0-Hinspielsieg stehen die Chancen ausgezeichnet.

Beim Traditionsverein Rot-Weiss Essen, dem Deutschen Meister von 1955, schaffte Hrubesch einst als 24-Jähriger den sensationellen Sprung aus der Bezirks- in die Bundesliga, bei RWE stellte er mit 41 Toren in 35 Spielen einen Zweitliga-Rekord auf und an der Hafenstraße trat er später auch seinen ersten Trainerjob an. Dazwischen lagen zahlreiche Titel und Triumphe mit dem Hamburger SV (unter anderem dreimal Deutscher Meister und Europapokalsieger der Landesmeister) sowie mit der deutschen A-Nationalmannschaft (Europameister 1980 und Vize-Weltmeister 1982).

„Neben der HSV-Raute trage ich nach wie vor ein RWE-Emblem im Herzen, denn diesem Verein habe ich unglaublich viel zu verdanken“, sagt Horst Hrubesch heute. Für ihn soll die Partie in Essen ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur EM 2015 und möglichst zu Olympia 2016 in Rio de Janeiro werden.

Im aktuellen DFB.de-Interview mit dem MSPW-Journalisten Ralf Debat spricht der passionierte Angler Horst Hrubesch über seine Heimkehr an die Hafenstraße, seine Anfänge als Profi, einen verschossenen Elfmeter und seinen Essener „Ziehvater“ Willi „Ente“ Lippens.

DFB.de: Im neuen Stadion an der Essener Hafenstraße wollen Sie mit Ihrer Mannschaft am Dienstag gegen die Ukraine die Qualifikation für die Europameisterschaft 2015 perfekt machen. Wie groß ist die Vorfreude vor Ihrer Rückkehr, Herr Hrubesch?

Horst Hrubesch: Ich freue mich riesig auf das Spiel. Es war schließlich nicht zuletzt meine Idee, dass wir unser entscheidendes Play-Off-Rückspiel in Essen austragen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was ich hier erwarten kann und wie begeisterungsfähig die Fans in Essen sind. Wenn unsere junge Mannschaft Hilfe benötigen sollte, dann bin ich mir sicher, dass uns das Publikum beflügeln wird. Die Atmosphäre an der Hafenstraße ist einmalig.

DFB.de: Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihrer ersten Profistation bei RWE?

Hrubesch: (lacht) Noch heute spüre ich die Asche des Trainingsplatzes in meinen Knien. Aber Spaß beiseite: Es war eine wunderbare Zeit. Harte Arbeit zwar, aber auch sehr viel Spaß. Noch heute freue ich mich immer wieder, alte Essener Kollegen wie Willi „Ente“ Lippens, Frank Mill oder Manni Burgsmüller – um nur einige zu nennen – zu treffen und mit ihnen über die alten Zeiten zu plaudern. Dabei ist immer noch zu spüren, mit welcher Freude und Leidenschaft wir damals für RWE gespielt haben. Ich habe diesem Verein sehr viel zu verdanken. Was wäre ich heute ohne Rot-Weiss?

DFB.de: Sie schafften damals mit 24 Jahren direkt den Sprung vom Hammer Bezirksligisten SC Westtünnen zu RWE in die Bundesliga. Wäre eine solche Karriere auch heute noch denkbar?

Hrubesch: Klares Nein. Allerdings stimmt es auch nicht ganz, dass ich bis dahin niemandem aufgefallen war. Schon mit 18 Jahren hätte ich beispielsweise zum damaligen Zweitligisten DJK Gütersloh wechseln können. Doch für mich war es unmöglich, für 400 Mark im Monat meinen Beruf als Dachdecker aufzugeben. Da bin ich lieber in Hamm geblieben und spielte nebenbei auch noch weiter Handball beim Eisenbahner Sportverein. Damals klopfte übrigens mit dem TuS Wellinghofen auch mal ein Spitzenklub an, doch ich habe abgelehnt. Im Fußball waren später der BVB und der VfL Bochum kurzzeitig ein Thema, doch erst RWE gab mir dann die Chance, Bundesligaprofi zu werden.

DFB.de: Wegen Ihrer Sprungkraft und Kopfballstärke wurden Sie an der Hafenstraße schnell „Kopfball-Ungeheuer“ getauft!

Hrubesch: Das Kopfballspiel gehörte ganz sicher zu meinen Stärken, doch ohne meine Mitspieler wären sie gar nicht erst zum Tragen gekommen. Willi Lippens, der mich nach meinem ersten Spiel noch „Rebusch oder so ähnlich“ nannte, sagte immer: Du musst nur laufen und springen, ich treffe dich schon. Ich wusste später ganz genau, wohin er flankte, und er wusste, wohin ich lief. Das war geradezu ein blindes Verständnis – wie später auch beim HSV mit Manfred Kaltz.

DFB.de: In Ihren ersten beiden Bundesligapartien für RWE erzielten Sie drei Treffer, insgesamt in zwei Spielzeiten beachtliche 38 Tore. Trotzdem konnten Sie den Abstieg nicht verhindern. Doch auch in der 2. Liga blieben Sie an der Hafenstraße. Warum?

Hrubesch: Das war für mich damals gar keine Frage. Der Verein hatte mir geholfen, deshalb wollte ich ihm in dieser schwierigen Zeit ebenfalls helfen. Umso bitterer, dass meine 41 Tore dann nicht für den direkten Wiederaufstieg gereicht haben. Noch heute ärgere ich mich maßlos darüber, dass ich damals im Relegationsspiel gegen den 1. FC Nürnberg einen Elfmeter verschossen habe. Sonst hätte es vielleicht geklappt. Am Ende der Saison verließ ich Essen mit zwei weinenden Augen.

DFB.de: Rot-Weiss Essen hat seitdem nie mehr den Sprung in die Bundesliga geschafft, musste vielmehr weitere Abstiege verkraften. Blutet Ihnen das Herz, wenn RWE heute in der viertklassigen Regionalliga West spielt?

Hrubesch: Selbstverständlich habe ich den Werdegang des Vereins über all die Jahre verfolgt und immer wieder gehofft, dass es aufwärts geht. Die treuen Fans und die Stadt Essen haben auf jeden Fall wesentlich mehr verdient, zumal die notwendige Infrastruktur mit dem neuen Stadion inzwischen auch gegeben ist. Ich drücke jedenfalls fest die Daumen, zumal jetzt mit Sportvorstand Dr. Uwe Harttgen einer meiner langjährigen Weggefährten – einst als Konkurrenten in der Bundesliga, später als Kollegen im DFB-Nachwuchsbereich – bei RWE in der Verantwortung steht.

DFB.de: Wie sehr hat es Sie gewurmt, dass Sie beim Jubiläum 2007 nicht in die „Jahrhundertmannschaft“ der Rot-Weissen gewählt wurden?

Hrubesch: Ganz ehrlich: Überhaupt nicht. Als Fan hätte ich auch die Meisterspieler von 1955 in die Mannschaft des Jahrhunderts gewählt. Ich kann deshalb gut damit leben, dass im Angriff WM-Legende Helmut „Boss“ Rahn und „Penny“ Islacker, der damals im Finale mit letzter Kraft das Siegtor gegen den 1. FC Kaiserslautern erzielt hatte, den Vorzug erhielten. Gleiches gilt für Willi Lippens, der schließlich Essens Rekordspieler und Rekordtorschütze ist. Für mich war er in meiner Anfangszeit als Profi ja auch so etwas wie ein Ziehvater.

DFB.de: Worauf dürfen sich die Fans in Essen am Dienstag freuen?

Hrubesch: Unsere Mannschaft wird hochmotiviert sein und alles tun, um an ihre zuletzt gezeigten Leistungen in der Qualifikation anzuknüpfen. Wenn uns das gelingt, dann werden wir uns auch gegen einen so kompakten und äußerst unangenehmen Gegner wie die Ukraine erneut durchsetzen und uns für die EM qualifizieren. Unser Kader ist breit aufgestellt, die Mannschaft funktioniert. Ich habe großes Vertrauen in die Jungs.

DFB.de: Schon bei Ihrer Rückkehr in das Amt des U 21-Trainers hatten Sie Olympia 2016 in Rio als Fernziel genannt. Dafür müsste Deutschland bei der EM unter die ersten drei Mannschaften kommen. Wäre das auch für Sie persönlich noch einmal etwas ganz Besonderes, auch wenn Sie im Fußball eigentlich schon alles erlebt haben?

Hrubesch: Bisher kenne ich die Atmosphäre bei Olympia nur vom Hörensagen. Mein früherer Mitspieler Frank Mill schwärmt aber noch heute von 1984 in Los Angeles und 1988 in Seoul. Ich würde das auch einmal gerne erleben. Meinen Jungs habe ich gesagt, dass Sie die Chance haben, in Rio Geschichte zu schreiben. Am Dienstag in Essen wollen wir auf diesem Weg den nächsten Schritt machen. Interview: MSPW

 

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