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RWE: Meisterschaft jährt sich zum 60. Mal

Am 26. Juni 1955 siegte Essen 4:3 gegen Kaiserslautern.

Am heutigen Freitag jährt sich die erste und einzige Deutsche Meisterschaft des aktuellen West-Regionalligisten Rot-Weiss Essen zum 60. Mal. Am 26. Juni 1955 holte RWE den Titel durch ein 4:3 gegen den Favoriten 1. FC Kaiserslautern.

Der größte Erfolg in der 100-jährigen RWE-Vereinsgeschichte, der Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1955, bescherte jedem Spieler des Traditionsvereins von der Hafenstraße ein gerahmtes Mannschaftsbild und ein Buch über die Essener Gruga. Mit diesen Geschenken ehrten die Vertreter der Stadt Essen um Oberbürgermeister Dr. Hans Toussaint die rot-weissen Meisterspieler am Tag nach dem 4:3-Finaltriumph über den großen Favoriten 1. FC Kaiserslautern beim offiziellen Empfang im Saalbau. Außerdem spendierte die Kurverwaltung von Baltrum jedem RWE-Kicker 14 Tage Urlaub auf der kleinen Nordsee-Insel.

Der Vereinsgründer und Ehrenvorsitzende Georg Melches, dessen Lebenswerk nur wenige Stunden zuvor in einem dramatischen Endspiel gekrönt worden war, bekam als Dankeschön eine vollautomatische Uhr. „Sie soll ein Symbol sein“, sagte Dr. Toussaint, der RWE selbst im Hannoveraner Niedersachsenstadion auf der Tribüne die Daumen gedrückt hatte. Der OB erklärte: „Wie diese Uhr ohne Aufdrehen immer läuft, so soll sich Rot-Weiss stets aus eigener Kraft erneuern, damit diese Meisterschaft nicht die einzige bleibt.“

Aufmunternde und gleichzeitig warnende Worte, bei denen Dr. Toussaint mit Sicherheit nicht in den Sinn gekommen wäre, dass RWE bis zum 100. Geburtstag im Jahr 2007 kein einziges Mal auch nur in die Nähe eines zweiten Meister-Titels im Profi-Fußball kommen würde.

So aber ist der 26. Juni 1955 – ein heißer, sonniger Sonntag – als der mit einigem Abstand größte Feiertag der Essener Rot-Weissen in die Geschichte eingegangen. Vor annähernd 80.000 Zuschauern, darunter mehr als 20.000 aus Essen angereisten RWE-Anhängern, hatte die Mannschaft um den langjährigen Kapitän und Sturmführer August Gottschalk das mit immerhin vier Weltmeistern von 1954 gespickte Star-Ensemble aus der Pfalz um den legendären Fritz Walter niedergerungen.

Der damals 33 Jahre alte Gottschalk nahm nach seinem letzten Spiel für RWE aus den Händen von DFB-Präsident Dr. Peco Bauwens die Meisterschale entgegen, die damit erstmals nach dem 2. Weltkrieg wieder in den Fußball-Westen ging. Kein Wunder also, dass der Zug mit den Rot-Weiss-Kickern auf der Rückfahrt nach Essen schon in Oelde, Bochum und Dortmund jeweils eine Pause einlegen musste, weil er von begeisterten Fußball-Fans empfangen wurde.

In Essen sollen es dann nach den Berichten der Lokalzeitungen sogar mehr als 100.000 Menschen gewesen sein, die ihre Helden entweder direkt auf dem Bahnsteig (nur mit Sonderkarte zugänglich), auf dem Bahnhofsvorplatz, auf dem kurzen Weg zum Saalbau – oder schließlich auf dem Triumphzug in offenen Wagen nach Bergeborbeck, wo eigens ein riesiges Festzelt errichtet worden war, lautstark feierten.

So schrieb Günther Leibstein in der NRZ: „Als Penny Islacker, gestützt auf zwei Sanitäter, vor dem Saalbau aus dem Auto stieg, da wurde der Jubel zum Orkan. Der dreifache Torschütze, der seine Chancen sonst so eiskalt wahrnimmt, hatte feuchte Augen.“ Er war längst nicht der Einzige.

Der Meister-Titel war für RWE der Höhepunkt eines kontinuierlichen Aufstiegs: Nach dem Einzug in die Oberliga West im Jahr 1948 war ein sechster Platz 1951 schon die schlechteste Platzierung. Zwei Mal landete die von Georg Melches nach und nach verstärkte Mannschaft auf Rang drei, zwei Mal wurden die Rot-Weissen Vize-Meister (1949 hinter Borussia Dortmund, 1954 hinter dem 1. FC Köln), zwei Mal gelang der Titelgewinn in der damals höchsten Spielklasse (1952 und 1955). Dazwischen gelang 1953 noch der DFB-Pokalsieg.

Waren die voraus gegangenen Teilnahmen an der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft für RWE nicht allzu glücklich verlaufen, setzte die Mannschaft von Trainer Fritz Szepan 1955 bei dessen Trainer-Premiere an der Hafenstraße zu einem einmaligen Siegeszug an. Ungeschlagen ließen die Rot-Weissen in ihrer Endrunden-Gruppe mit 10:2 Punkten die Konkurrenz aus Bremerhaven, Offenbach und Worms deutlich hinter sich und erreichten das Endspiel gegen die „Roten Teufel“ aus Kaiserslautern, die sich bereits zum fünften Mal innerhalb von nur sieben Jahren für das Finale qualifiziert hatten.

Um eine optimale Vorbereitung zu gewährleisten und den großen Traum wahr werden zu lassen, setzte Georg Melches alle Hebel in Bewegung. Die Mannschaft bezog erst ein Trainingslager im sauerländischen Bigge-Olsberg und reiste dann frühzeitig mit dem Zug nach Hannover an, wohnte dort im Hotel „Luisenhof“.

Willi Vordenbäumen, der erst zwei Jahre zuvor vom Lokalrivalen Sportfreunde Katernberg zur Hafenstraße gewechselt und damit Helmut „Boss“ Rahn gefolgt war, erinnert sich: „Eine solche Vorbereitung war schon außergewöhnlich. Schließlich gingen alle Spieler neben dem Fußball noch einem normalen Beruf nach. Da viele jedoch auf Vermittlung von Melches bei den Didier-Werken oder bei dem Verein nahe stehenden Firmen beschäftigt waren, gab es mit den Freistellungen keine Probleme.“

Für Vordenbäumen selbst, der es auf Anhieb zum Stammspieler bei den Rot-Weissen gebracht hatte, platzte der Final-Traum freilich wenige Stunden vor dem Anpfiff. Weil er in den Monaten zuvor auf Grund einer Leisten- und einer Achillessehnen-Verletzung einige Zeit ausgefallen war, scheute Trainer Szepan das Risiko, den angeschlagenen Angreifer aufzubieten und entschied sich für Johannes „Fred“ Röhrig, der dieses Vertrauen mit einem Treffer zurückzahlen sollte. Die Nicht-Nominierung von Vordenbäumen muss erklärt werden: Auswechslungen während des Spiels gab es damals noch nicht. Verletzte sich ein Spieler, musste dessen Mannschaft in Unterzahl weiter spielen.

Bei unserem Treffen mit Willi Vordenbäumen ist es deutlich zu spüren: Noch heute, mehr als 50 Jahre nach dem Finale, schmerzt es den gebürtigen Bochumer, der RWE nach wie vor eng verbunden und Stammgast an der Hafenstraße ist, dass er ausgerechnet am größten Tag des Vereins nicht auf dem Platz stehen durfte.

„Haben Sie selbst mal gespielt?“ kontert er die Frage des Autors nach seiner damaligen Stimmungslage. Soll heißen: Jeder Fußballer, der mal auf der Bank oder auf der Tribüne gesessen hat, wird nachempfinden, dass „es für mich kein freudiges Ereignis war, auch wenn ich mich natürlich über den Sieg und unseren Empfang in Essens sehr gefreut habe. Aber ich war eben nur Zuschauer.“ Nicht mittendrin, sondern nur dabei.

Gemeinsam mit den fast 80.000 Zuschauern sah Vordenbäumen gleich sieben Treffer, hier kurz im Zeitraffer zusammengefasst: 1:0 für die Lauterer durch Willi Wenzel nach einem Fehler von RWE-Torwart Fritz Herkenrath (11.), 1:1 durch Franz „Penny“ Islacker mit einem Drehschuss nach Vorarbeit von WM-Held Helmut Rahn (19.), 2:1 für RWE durch „Fred“ Röhrig per Kopfball nach einer erneuten Maßflanke von Helmut Rahn (23.), 3:1 wieder durch „Penny“ Islacker, der kurz vor der Pause ein Solo erfolgreich abschließt (44.), 3:2 erneut durch Wenzel nach einem Freistoß von Werner Liebrich (56.), 3:3 durch einen von Werner Bassler verwandelten Foulelfmeter (72.) und schließlich der Essener Siegtreffer durch einen Kopfball-Torpedo des verletzten Matchwinners „Penny“ Islacker, der zuvor mehrfach am Spielfeldrand behandelt werden musste, nach einer Rechtsflanke von Berni Termath (86.).

Das entscheidende Tor löste später Tumulte, jede Menge Ärger und endlose Diskussionen aus: Stand Islacker im Abseits? Hatte sich der Torschütze, den sein Kumpel Helmut Rahn wegen der im Spiel erlittenen Blessuren nach dem 4:3 sogar auf den Schultern zurück in die eigene Hälfte tragen musste, ordnungsgemäß beim Schiedsrichter angemeldet, als er auf den Platz zurückgekehrt war?

Die Lauterer waren außer sich vor Wut, mehrere Spieler wollten sogar nicht an der Siegerehrung teilnehmen. Zum DFB-Bankett in den Maschsee-Gaststätten erschienen die Pfälzer mit zwei Stunden Verspätung. Erst die Grubenlampe und das Blumengebinde, die Essens Oberbürgermeister Dr. Toussaint nach dem Spiel als Gastgeschenke in die FCK-Kabine gebracht hatte, soll die Lauterer zumindest etwas milder gestimmt haben. Trotzdem legte der Verein offiziell Protest gegen die Spielwertung ein, der jedoch vom DFB am nächsten Tag als unbegründet zurückgewiesen wurde. Erst danach war der Meister-Titel für RWE endgültig perfekt.

Auf den Stehrängen des Niedersachsenstadions erlebten im Übrigen Geschäftsstellenleiter Paul Nikelski, damals gerade ein Jahr im Amt, und der spätere Mannschafts-Betreuer Günter Barchfeld die glücklichsten RWE-Stunden. Nikelski war zwar mit dem eigenen Pkw, einem VW Käfer, in die niedersächsische Landeshauptstadt angereist, musste sich dort aber auch um die mit Bussen angereisten Rot-Weiss-Fans kümmern, mit denen er dann auch gemeinsam das Spiel verfolgte.

„Erst nach dem Schlusspfiff bin ich auf den Platz gelaufen, habe mit Schorsch Melches, Fritz Szepan und den Spielern getanzt und gefeiert“, erinnert sich Nikelski, der sich dann aber noch am Abend auf die Heimreise machte, um den Empfang des Deutschen Meisters am nächsten Tag mit vorbereiten zu können: „Ich bin sogar noch selbst gefahren, Alkohol war nicht im Spiel.“

Ganz anders bei Günter Barchfeld, der gemeinsam mit fünf Freunden (unter anderem Günter Helmig, Onkel von Dirk „Putsche“ Helmig) im „brechend vollen“ Sonderzug nach Hannover gefahren war und im Stadion mitgefiebert hatte. „Danach ging es in die Innenstand zum Feiern. Wir haben die ganze Nacht durchgemacht“, verrät Barchfeld. Die Folge: Die Rückfahrt des Sonderzuges wurde verpasst.

„Zum Glück galten unsere Tickets auch noch für den ganz normalen Zug am nächsten Tag. Und wenn das Ticket nicht mehr gegolten hätte, es wäre und egal gewesen“, lacht Barchfeld. „Wir waren schließlich Zeuge eines aus RWE-Sicht historischen und bis heute einmaligen Ereignisses.“

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