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Maler und Meister: Otto Rehhagel nun schon „80“

Trainer-Legende aus Essen feierte Donnerstag runden Geburtstag.
Eine Fußball-Ikone wird „80“! Gemeint ist der ehemalige Bundesliga-Profi und -Trainer Otto Rehhagel (Foto), der am Donnerstag seinen runden Geburtstag feierte. Mit dem SV Werder Bremen und dem 1. FC Kaiserslautern wurde der gebürtige Essener Rehhagel als Trainer insgesamt dreimal Deutscher Meister, gewann mit Bremen außerdem 1991 und 1994 den DFB-Pokal sowie 1992 den Europapokal der Pokalsieger. Sein größter Erfolg war jedoch der Gewinn der Europameisterschaft 2004 mit der Nationalmannschaft Griechenlands, die „Rehhakles“ von 2001 bis 2010 betreute.

Seine aktive Karriere startete Otto Rehhagel einst bei TuS Helene Altenessen, landete über die Stationen Rot-Weiss Essen und Hertha BSC später beim 1. FC Kaiserslautern, für den der Verteidiger insgesamt sechs Jahre auflief. Von den RWE-Fans wurde er 2007 in die „Mannschaft des Jahrhunderts“ gewählt. 2015 wurde Otto Rehhagel, der mit Ehefrau Beate schon seit einigen Jahren wieder in Essen wohnt, zum Ehrenmitglied des Traditionsvereins von der Hafenstraße ernannt.

MSPW-Gründer und Autor Franz Josef Colli schreibt über Otto Rehhagel, den er seit Jahrzehnten kennt, im RWE-Jubiläumsbuch „100 Jahre… nur der RWE“:

„Für Otto Rehhagel ist es ein Heimspiel: Treffen beim Italiener auf der Rüttenscheider Straße in seiner Heimatstadt Essen. Dort gönnt sich Rehhagel, meist in der hinteren Ecke, aber mit Blick auf die offene Küche, gerne ein Häppchen und ein Tässchen Kaffee. Kleine Portionen. Rehhagel ist immer noch verdammt eitel, wenn es um seine Figur geht.

Na, dann mal los mit dem Interview. Familie? Geschwister? Wie und wo aufgewachsen? „Nee“, sagt Otto. „Tu mir einen Gefallen: Nichts Privates. Das interessiert doch keinen. Schreib doch lieber….“

Okay, Otto. Du gibst den Ton an. Das machst du ja im Umgang mit Journalisten ohnehin gerne. Also: Gewünscht ist versprochen. Bis auf zwei Ausnahmen. Genehmigt?

Fakt eins ist bekannt und gehört zum ehemaligen Abwehrspieler von Rot-Weiss Essen wie der Pott auf den Deckel: Otto Rehhagel lernte seine Frau Beate, eine ehemalige Lehrerin aus Essen-Steele, beim Eislaufen in der Grugahalle kennen und lieben. Wenn Rehhagel über sein pralles Fußballerleben aus fünf Jahrzehnten gestenreich plaudert, dann kommt auch immer wieder „meine Beate“ vor.

Die zweite Ausnahme musste Rehhagel noch genehmigen. Er tat es. Sie ist typisch für den einstigen Straßenfußballer, der über den Fußball in seinem Trainer-Job alles erreicht, doch nie die Bodenhaftung verloren hat. Erlebt man ihn privat, ist er ein herrlicher Geschichten-Erzähler, schöpft er aus seinem beneidenswerten Repertoire an Erfahrungen. Und lässt gerne mal den Lausbuben raus, laut lachend, vor Begeisterung mit Händen und Füßen gestikulierend, so dass man befürchten muss: Gleich macht er das vor, was er eben erzählt hat. Hier, mitten im Restaurant. Doch davon mehr am Ende dieser Geschichte.

„Dem Sport“, sagt Otto Rehhagel, „habe ich alles zu verdanken. „Ich komme aus einer Arbeiter-Familie, habe mir alles erarbeitet, habe nicht auf allen Hochzeiten getanzt, war diszipliniert, denn ich musste immer Vorbild sein. Heute kann ich mir alles erster Klasse erlauben, habe die Welt gesehen, Menschen kennengelernt. Das ist mein Pfand, auf das ich zurückgreife.“

Dreijährige Ausbildung zum Maler und Anstreicher

So viel Privates muss sein: Otto Rehhagel, geboren am 9. August 1938 in Altenessen, war Zeitzeuge im Zweiten Weltkrieg. „Wir haben in den Kellern gesessen“, erinnert er sich. Vater Otto, ein Bergmann auf der Essener Zeche Helene, starb 1952 nach einer Magen-Operation mit 39 Jahren. Sohn Otto war damals gerade mal 14. „Ich musste immer kämpfen, wo immer ich war.“

Rehhagel machte eine dreijährige Ausbildung zum Maler und Anstreicher, war ein Jahr Geselle und spielte bei TuS Helene Essen in der Abwehr. 1960 war es dann so weit. Der damalige RWE-Geschäftsstellenleiter Paul Nikelski machte im Auftrag von Georg Melches alles klar. Rehhagel war da, wo er nach seiner Meinung „auch hingehörte“. In seiner ersten Saison 60/61 in der Oberliga bestritt er 30 Spiele, erzielte einen Treffer. Mit einem 3:0-Sieg zur Premiere gegen Preußen Münster hatte alles gut angefangen.

Otto Rehhagel Vertragsfußballer bei Rot-Weiss! Dort hatte er sich „als Jüngschen“ immer rumgeschlichen, wildfremde Leute angesprochen: „Onkel, nimmst du mich mit rein?“ Er blickte sehnsüchtig in die Westkurve und war fasziniert, „wenn Helmut Rahn mal wieder in den Winkel getroffen hatte“.

Freilich war der Altenessener nicht zimperlich und zögerlich, wenn er, wie gesagt „als Jüngschen“, rund um das Stadion an der Hafenstraße schlich. Selbstbewusstsein hatte er sich geradezu antrainiert und sich bisweilen sogar keck die Frage gestellt: „Weswegen lassen sich mich hier eigentlich nicht rein? Eines Tages spiele ich doch sowieso für Rot-Weiss.“

Seilchenspringen mit Trainer „Fischken“ Multhaup

Sein erster Trainer im Profigeschäft war der Essener Willy „Fischken“ Multhaup. „Seilchenspringen gehörte zum Programm“, hüpft Rehhagel noch heute in Gedanken an seine Jungspund-Zeit von einem Bein auf das andere. „Donnerstags nach dem Training griff Multhaup zu einer Art Monokol, las von einem Zettel die Mannschaftsaufstellung für das nächste Spiel vor. Da wussten wir, was zu tun war und wie wir uns vorzubereiten hatten.“

Zum Training kam Otto Rehhagel jetzt mit seinem VW-Standard, einem „Traumauto mit Weißwandreifen und dem Kennzeichen E-DC-375, zu günstigen Konditionen von VW Brüne erworben“.

Wichtig für ihn vor allem aber: Er war plötzlich einer von denen, die er immer angehimmelt hatte. Rahn, Islacker und wie sie alle hießen aus der glorreichen Meister-Zeit. Rehhagel erinnert sich: „Die wussten schon, wer sie waren. Ich weiß noch genau, was damals hinter den Kulissen abgelaufen ist. Nach dem Training zum Beispiel ließen sich die Stammspieler regelmäßig massieren. Da habe ich mich auch angestellt, um mal dranzukommen. Auf der Massagebank lag „Penny“ Islacker, sah mich und fragte: „Was willst du denn hier?“. Ich sagte: „Mich massieren lassen.“ Darauf Islacker: „Wie alt bist du?“ Ich antwortete: „Zwanzig.“ Der Schlusssatz von Islacker: “ Dann komm mal in drei Jahren wieder.“

61/62 und 62/63 spielte Otto Rehhagel für Rot-Weiss in der 2. Liga West. Bei der Einführung der Bundesliga war RWE nicht dabei. Rehhagel wechselte nach Berlin zu Hertha BSC. Anschließend spielte er von 1966 bis 1972 für den 1. FC Kaiserslautern, den er viele Jahre später 1996 als Trainer in der 2. Liga übernahm, mit ihm in die Bundesliga aufstieg und auf Anhieb Deutscher Meister wurde. Das hatte es in der deutschen Fußball-Geschichte noch nicht gegeben!

Seine Spielerkarriere beendete er 1972 am Betzenberg mit 201 Bundesliga-Spielen auf dem Buckel, in denen er – erstaunlich viel für einen Abwehrspieler – immerhin 22 Tore auf sein Konto brachte.

Mehr als 14 Jahre Trainer bei Werder Bremen

Als Trainer konnte er große Erfolge feiern. Mit Werder Bremen, das ihn 1976 zum ersten Mal (nur für ein halbes Jahr) und 1981 erneut verpflichtete (dann für mehr als 14 Jahre), holte er zwei Meistertitel (1988 und 1993), wurde zweimal Pokalsieger (1991 und 1994, ausgerechnet gegen RWE). Hinzu kamen vier Vize-Titel in der Meisterschaft und zwei weitere Final-Teilnahmen im DFB-Pokal. 1992 feierten ihn die Werder-Fans nach dem Gewinn des Europapokals der Pokalsieger. Solche Titel waren ihm als Spieler versagt geblieben. Immerhin hatte er es zum Auswahlspieler und in die Amateur-Nationalmannschaft geschafft.

Es würde der Schilderung von Rehhagels Fußball-Taten nicht gerecht, wenn man die Zeiten verschweigen würde, in denen es für ihn als Trainer nicht so rund lief. Bei den Offenbacher Kickers blieb er eineinhalb Jahre ab 74/75, trainierte Stürmer wie Erwin Kostedde und Sigfried Held, verpasste den Bayern, die mit fünf aktuellen Weltmeistern nach Offenbach angereist waren, eine legendäre 0:6-Pleite. Dennoch trennte man sich frühzeitig.

Mit Borussia Dortmund setzte es am letzten Spieltag der Saison 77/78 gegen Borussia Mönchengladbach mit einem 0:12 die bis heute höchste Niederlage der Bundesliga-Geschichte. Einen Tag später folgte die Trennung. Den ersten Schnee erlebte er als Trainer 1979 bei Arminia Bielefeld nicht. Auch bei der Düsseldorfer Fortuna, mit der er immerhin 1980 den DFB-Pokal gewonnen hatte, gab es eine vorzeitige Trennung.

Ab dem 2. April 1981 war er dann wieder als Trainer bei Werder Bremen tätig. Er katapultierte die Werderaner und sich selbst aus der 2. Liga in die Spitzengruppe der deutschen und europäischen Fußball-Szene.

Von Bremen wechselte er nach der Saison 94/95 zu Bayern München. Man trennte sich vorzeitig am 28. April 1996. Von „Missverständnissen“ war die Rede. Irgendwie passte es nicht zwischen den Beteiligten. Schmutzige Wäsche wurde von keiner Seite gewaschen. Rehhagels letzter Auftritt in Deutschland war dann zwischen Juli 1996 und Oktober 2000, verbunden mit dem Fußball-Märchen beim 1. FC Kaiserslautern, den er erst zur Rückkehr in die Bundesliga und dann gleich anschließend zur Deutschen Meisterschaft führte. Eine nach wie vor unerreichte Leistung!

Rudi Völler, Mario Basler und Manni Burgsmüller im Team

820 Mal hat der Altenessener auf den diversen Trainerbänken der Bundesliga gesessen, prägte den Namen „kontrollierte Offensive“, war Trainer von Torjäger Rudi Völler und kitzelte aus dem Ex-Essener Mario Basler entgegen fast allen Prognosen so viel Potenzial heraus, dass dieser zum kaum zu ersetzenden Bundesliga- und Nationalspieler wurde.

„Ich habe gelernt, in die Seele der Spieler zu sehen“, ist Otto Rehhagel sicher. „Ich kritisiere Dich als Spieler. Als Mensch bis Du mir heilig“, nahm er die ihm anvertrauten Spieler ins Gebet. Das nahmen ihm sogar noch Alt-Stars ab, zumal Rehhagel gerne „auf alte Schätzchen“ wie etwa den waschechten Essener Manfred Burgsmüller zurückgriff.

Ab dem 9. August 2001 schrieb Rehhagel in Griechenland als dortiger Nationaltrainer Geschichte. Zunächst missriet sein Einstand vollends. Es gab ein happiges 1:5 gegen Finnland im ersten EM-Qualifikationsspiel unter Rehhagel. Schnell und nach dem Fehlstart für viele unerwartet, gelang ihm jedoch schon bald der von ihm immer wieder gesuchte „Blick in die Seele meiner griechischen Jungs“. Sozusagen mit dem letzten Schritt glückte im Herbst 2003 doch noch die Qualifikation für die Europameisterschaft 2004 in Portugal. Griechenland hatte dafür eine Serie von 15 Spielen ohne Niederlage hingelegt!

Doch die EM-Organisatoren in Portugal unterschätzten die Griechen ebenso wie die meisten Experten. Otto Rehhagel erinnert sich: „Wir wurden in einem Landhotel untergebracht, ähnlich wie Touristen, die auf der Durchreise sind.“ Ganz anders die hoch eingeschätzten Italiener beispielsweise, die mit ihrem Nationaltrainer Giovanni Trapattoni im ersten Haus am Platze einquartiert waren. Um Trapattoni, bei Bayern München nicht zuletzt wegen seiner Wut-Rede („Was erlauben Struuunz?“) unvergessen, aus seiner Edel-Suite verdrängen zu können, sollten Griechenland nur Siege helfen.

EM-Titel 2004 exakt 50 Jahre nach dem „Wunder von Bern“

Gleich im Eröffnungsspiel sorgte die Rehhagel-Truppe für eine Sensation, bezwang den Gastgeber Portugal 2:1. Nach Siegen über die hoch eingeschätzten Franzosen und Tschechen erreichten die Hellenen mit dem Mann, der seine Karriere einst bei TuS Helene in Altenessen begonnen hatte, das Finale und wurden nach einem 1:0-Finalsieg – erneut gegen Gastgeber Portugal – Europameister 2004.

Das war am 4. Juli 2004, exakt und auf den Tag genau 50 Jahre nach dem Wunder von Bern, das nicht zuletzt durch zwei Finaltore des Esseners Helmut Rahn zum 3:2 gegen Ungarn Deutschland den WM-Titel brachte. Und wieder war ein Essener beteiligt! Rehhagel wurde zum „Rehhakles“. Die Athener ernannten ihn zum Ehrenbürger. Die Presse feierte ihn als „Otto, den König von Griechenland“.

Und nun zurück zum Anfang dieser Geschichte, also eigentlich eher wieder zum Privaten des Otto Rehhagel. Eine kleine Begebenheit nur, die sich am Rande der EM ereignete und die bisher nie in die Öffentlichkeit gekommen ist: Während Außenseiter Griechenland zum Siegeszug ansetzte, musste Giovanni Trapattonis italienische Mannschaft vorzeitig abreisen. Und – welche Überraschung – die Griechen bezogen das Edelquartier der Italiener. Otto Rehhagel zog in die Suite von Giovanni Trapattoni ein.

Überglücklich öffnete Otto Rehhagel die Tür, warf sich rücklings auf das breite Luxus-Bett des abgereisten italienischen Kollegen und rief seinem griechischen Assistenten Ioannis Topalidis ausgelassen zu: „Was erlauben Trapattoni!?“

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