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Regionalliga-Reform: Auch DFB-Vize Rainer Koch für Nordost-Teilung

1. DFB-Vizepräsident hält Grundsatzrede beim Amateurfußball-Kongress.
Eine selbstkritische Bestandsaufnahme, die unmissverständliche Botschaft in Richtung Politik, den Ehrenamtlichen hierzulande bessere Rahmenbedingungen zu verschaffen, dazu konkrete Pläne für eine starke Zukunft des deutschen Fußballs: Am dritten und letzten Tag des 3. Amateurfußball-Kongresses in Kassel hat Dr. Rainer Koch (Foto/Poing) in seiner Grundsatzrede unter dem Titel „Aufbruch 2024: Erfolg – Verantwortung – Engagement“ die entschiedene Geschlossenheit des deutschen Amateurfußballs eingefordert.

Der beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) für den Amateurfußball zuständige 1. Vizepräsident sowie Präsident des Bayerischen und des Süddeutschen Fußballverbandes zeigte den Delegierten konkrete Lösungsansätze auf, wie sich der Fußball einer „Frischzellenkur“ unterziehen könne, um „dann wieder quicklebendig zu sein, wenn ganz Fußball-Europa bei der EURO 2024 auf Deutschland schaut – jetzt ist die Zeit, anzupacken!“ Fakt sei, so der Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) in seiner rund 30-minütigen Rede, „der Fußball lebt, auch wenn uns viele weismachen wollen, dass er tot ist.“ FUSSBALL.DE und DFB.de haben Kochs Kernaussagen protokolliert.

Dr. Rainer Koch über…

…die Integrationskraft des Fußballs: „Der Fußball gehört uns allen, und der Fußball ist eine Sportart für alle. Unabhängig davon, welcher Herkunft, welchen Geschlechts, welcher Bildungsschicht, welcher Hautfarbe, Sprache, Religion oder Kultur. Und das ist die große Chance unserer Sportart: Dass wir eine Plattform bieten, auf der sich alle Menschen treffen können, miteinander spielen können, miteinander Spaß haben, miteinander lachen, sich gemeinsam freuen. Aber auch verstehen lernen und sich gegenseitig respektieren, denn das ist der große Wert unserer Sportart.“

…die Verankerung des Fußballs in der Bevölkerung: „Ich beobachte mit zunehmender Beunruhigung, dass die Verankerung des Fußballs in einigen Bevölkerungsgruppen abzunehmen scheint. Unser Fußball ist nur deshalb so groß geworden, weil er von so vielen ganz unterschiedlichen Menschen und Gruppen geliebt wird. Sie alle sind Fußballfans. Die Fans, die zu Auswärtsspielen mitreisen und bei Heimspielen in der Regel hinter dem Tor in der Kurve stehen, sind dabei Woche für Woche die lauteste Gruppe. Sie sind auch eine wichtige Gruppe, denn sie sorgen zumeist für eine gute Atmosphäre. Trotzdem liegen sie mit ihrem Anspruch, den Fußball ’sich zurückholen zu wollen‘ falsch. Denn auch die Zuschauer auf der Gegengerade und auf der Haupttribüne sind Fans. Genauso wie die Fernsehzuschauer und selbst die Leute, die sich nur über das Fußball-Geschehen in der Zeitung informieren. Und ganz besonders gilt das für die vielen Millionen Amateurfußballer und Amateurfußballerinnen in Deutschland. Wir sind die Basis des deutschen Fußballs. Die Kraft des Fußballs ergibt sich aus der Addition aller Interessengruppen. Deshalb dürfen wir nicht nur auf die hören, die am lautstärksten krakeelen oder am stärksten im Rampenlicht stehen oder am meisten Geld haben. Wir Amateurfußballer arbeiten in aller Regel im Stillen und ohne Entgelt, stehen nicht auf den großen Bühnen, wir veranstalten außer an Silvester keine Feuerwerke. Es ist an der Zeit – und dieser Kongress bietet dazu die Gelegenheit – deutlich zu machen, dass die 25.000 Amateurfußballvereine das Fundament des Fußballs sind.“

…über die Einheit von Profis und Amateuren: „Ohne den Amateurfußball kein Spitzenfußball, keine Talente, keine Bundesliga, keine Nationalmannschaft, keine Begeisterung für den Fußball und keine vollen Stadien. Umgekehrt brauchen aber auch wir Amateure unbedingt den professionellen Fußball als Zugpferd und wirtschaftlichen Förderer. Erfolge der Spitzenklubs, der Nationalmannschaften und die Strahlkraft der Fußballstars wirken sich immer auch positiv auf die Fußballbegeisterung und die Mitgliederzahlen der Vereine aus.“

… die Neuausrichtung des DFB nach der Affäre um die Vergabe der WM 2006: „Seit 2016 hat sich unheimlich viel verändert. Es gibt heute klare Compliance-Richtlinien und Budgetvorgaben, eine Ethik-Kommission wurde eingeführt und die Kontrollrechte der Revisionsstelle wurden verstärkt. Die aktuell medial im Raum stehenden Vorgänge sind weitgehend nur deshalb bekannt geworden und werden diskutiert, weil wir selbst beim DFB alle Finanz- und Steuerthemen offensiv angegangen sind und bereit sind, diese Diskussion transparent zu führen. Wir versuchen nun schon seit über zwei Jahren, steuerliche Klarheit zu schaffen – und das meiste ist nun klar und eindeutig geregelt. Wir sind aber noch nicht am Ende aller strukturellen Diskussionen und Veränderungen angelangt. Zum modernen DFB von morgen gehört die klare Aufgabenabgrenzung zwischen den gewählten Präsidiumsmitgliedern an der Spitze des Verbandes und den hauptamtlichen Mitarbeitern der Zentralverwaltung unter der Leitung des Generalsekretärs.“

…die geplante Regionalliga-Reform: „Ziel der Reform ist es, dass alle Meister das Aufstiegsrecht haben sollen. Mehr als vier Absteiger soll es in der 3. Liga nicht geben. Wir werden uns nunmehr am 19. März mit allen Beteiligten der betroffenen Landesverbände aus Nord, Nordost und Bayern treffen, um gemeinsam einen Strukturvorschlag zu erarbeiten, wie aus den drei Regionalligen Nord, Nordost und Bayern künftig zwei Regionalligen gebildet werden können. Ich begrüße, dass die Drittligisten aus ganz Deutschland jetzt erstmals bei nur einer Gegenstimme aus Cottbus und mit allen anderen Stimmen der ostdeutschen Vereine eine klare und konkrete Position bezogen und die Verteilung der ostdeutschen Vereine bei Auflösung der Regionalliga Nordost vorgeschlagen haben. Ganz persönlich halte ich diesen Lösungsvorschlag für gut geeignet, insbesondere, wenn er auf breite Zustimmung auch in Ostdeutschland stoßen sollte. Es wird nunmehr darauf ankommen, dass im Nordosten eine gemeinsame Haltung des Verbandes, der Regionalliga- und der Drittligavereine eingenommen wird, damit wir im September beim DFB-Bundestag eine Kompromisslösung beschließen können, in der sich alle Beteiligten wiederfinden und die überall in Deutschland von der Basis verstanden und mitgetragen wird.“

…die Digitalisierung im Amateurfußball: „Ob im Spielbetrieb, in der Talentförderung, in der Trainerausbildung oder im Bereich der sozialen Verantwortung – überall bilden wir unser Angebot digital und mobil ab und streben danach, die Online-Medien noch besser und zielgerichteter einzusetzen, um das Image des Amateurfußballs und den Erlebniswert für unsere aktiven Fußballer und die Fans zu erhöhen. Wir müssen den Amateurfußball zeitgemäß präsentieren und den Vereinen Lösungen an die Hand geben. Das ist der Auftrag an den DFB und seine Landesverbände. So verstehe ich unsere Arbeit.“

…das Thema E-Sports: „Wenn der Fußballklub für junge Menschen attraktiv bleiben will, muss er sich an den Bedürfnissen junger Menschen orientieren und die Realitäten akzeptieren, anstatt sie zu negieren und weiter stur im Gestern zu leben. Viele Kinder spielen heute nicht mehr Fußball auf dem Bolzplatz – und schon gar nicht mehr rund um die Uhr. Smartphones und Computer sind zum ständigen Begleiter unserer Jugend geworden, ob uns das nun gefällt oder nicht. Und deshalb ist es aus meiner Sicht eine schöne Sache, dass man unser Fußballspiel virtuell fortsetzen kann. FIFA19 ist in meinen Augen letztlich nichts anderes als das moderne Tipp-Kick. Schauen wir einfach zu, wie andere mit der virtuellen Spielform von Fußball Angebote organisieren und sich dort früher oder später Parallelstrukturen bilden? Oder nehmen wir es selbst in die Hand? Ich meine, wir sollten im Verein und Verband für alles zuständig sein, was mit Fußball zu tun hat und deshalb ist E-Football FIFA19 für uns Fußballer ein Thema! Wer das in Frage stellt, lebt an der Realität vorbei.“

…junges und projektbezogenes Ehrenamt: „Natürlich spielt Erfahrung in der Vereinsarbeit nach wie vor eine große Rolle, aber um Klubs und Verbände fit für die Zukunft zu machen und neue Themenfelder abzudecken, braucht es junge Leute, die neue Ideen und frischen Wind mitbringen. Das muss nicht gleich heißen, dass sie sich bis ans Ende ihres Lebens engagieren müssen, vielmehr müssen wir dem Funktionärsnachwuchs Möglichkeiten aufzeigen, sich projektbezogen einzusetzen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, junge Menschen über attraktive Projekte weit über die aktive Laufbahn als Fußballer hinaus an den Klub zu binden und Schritt für Schritt an größere Aufgaben heranzuführen. Zum Glück engagieren sich schon heute zahlreiche junge Menschen in unseren deutschen Fußballvereinen. Der Mix aus Jung und Alt tut den Vereinen gut, der Generationenwechsel ist voll im Gange. Und das ist gut so.“

…den Stellenwert der Schiedsrichter im Fußball: „Fußball ohne Schiedsrichter – das kann nicht funktionieren. Wir dürfen deshalb nichts unversucht lassen, die Attraktivität des Schiedsrichterwesens wieder zu steigern. Da gehören Initiativen wie das Patensystem oder auch der Tandem-Schiri dazu, aber auch spezielle Kampagnen, um das Image des Schiedsrichterwesens zu verbessern. Natürlich müssen wir auch optimal aus- und weiterbilden. Und vielleicht müssen wir auch unseren Schiedsrichtern erlauben, unsportliche Kritik und Reklamieren noch strenger zu ahnden, wie das in anderen Sportarten wie beim Handball, Basketball, Eishockey oder Volleyball schon heute selbstverständlich ist.“

…die EURO 2024 in Deutschland: „Natürlich ist die EM im eigenen Land ein riesiges Thema – nicht nur für unsere Nationalspieler und die Nationalmannschaft. Gerade in einer Zeit, in der viele Vereine in eine unsichere Zukunft blicken und die Zahl der Jugendteams zurückgeht, ist die EURO 2024 ein echter Leuchtturm. Wir wissen aus der Erfahrung der Weltmeisterschaft 2006, der Frauen-WM 2011 und des WM-Sieges 2014 in Brasilien, welche Strahlkraft ein solches Turnier besitzt. Diese Stimmung, diese Euphorie motiviert junge Menschen, in die Vereine zu gehen, um dort Fußball zu spielen. Diese Begeisterung zu schaffen, das ist unser Job. Die Zeit bis zum Anpfiff der Spiele 2024 müssen wir konsequent nutzen, dabei werden uns die vier Partien in München im Rahmen der EURO 2020 auch schon helfen.“

…Unterstützung für das Ehrenamt aus der Politik: „Bitte nicht nur wollen und ankündigen! Ihr müsst die Rahmenbedingungen verbessern, und zwar ganz schnell, sonst werden es bald immer weniger Frauen und Männer sein, die bereit sind, sich ehrenamtlich zu engagieren. Ehrenamtliches Engagement im Verein wird behindert und womöglich sogar verhindert, wenn kleine Sportvereine, die Jugendarbeit, Sozialarbeit und Integration leisten, stärker ins Visier der Steuer- und Finanzbehörden zu rücken scheinen als große Konzerne. Wir brauchen also weniger Bürokratie, insbesondere einen bürgerfreundlichen Datenschutz, weniger Abmahnabzockerei und weniger Steuerärger für die Verantwortlichen eines Vereins.“

Quelle: FUSSBALL.DE, DFB, BFV

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