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WSV-Sportchef Thomas Richter: „Mitten im Existenzkampf“

57-jähriger Sportdirektor will Wuppertaler SV vor Abstieg bewahren.
Es gibt nicht viele Funktionen, die Thomas Richter (57/Foto) beim Wuppertaler SV noch nicht ausgeübt hat. Der Ex-Profi war bereits Torhüter, Co-Trainer, Manager, Cheftrainer und Teammanager beim Traditionsklub aus dem Bergischen Land. Seit Mitte Januar ist Richter zurück beim WSV – als ehrenamtlicher Sportdirektor. Oberstes Ziel ist der Verbleib des ehemaligen Bundesligisten, der sportlich und wirtschaftlich angeschlagen ist, in der Regionalliga West. Für das Fachmagazin kicker sprach MSPW-Redaktionsleiter Ralf Debat mit dem Wuppertaler Sportchef.

Seit knapp drei Wochen sind wieder für den WSV tätig. Was waren zunächst Ihre wichtigsten Aufgaben, Herr Richter?
Als ich die Nachfolge von Karsten Hutwelker angetreten habe, musste ich mir erst einmal einen Überblick verschaffen. Wir hatten bis zum ersten Spiel beim BVB allerdings nur noch neun Tage Zeit, nach dem Rücktritt von Alexander Voigt aber keinen Cheftrainer mehr. Deshalb habe ich das erste Gespräch mit Pascal Bieler geführt, um die Trainerfrage zu klären und Ruhe in das Thema zu bekommen. Ich freue mich, dass sich Pascal der Herausforderung stellt und sofort zugesagt hat.

Stichwort Zusage: Wie lange haben Sie gezögert, als Ihnen der Verein das Angebot unterbreitet hat, wieder die sportlichen Geschicke zu übernehmen?
Nachdem der Vorstand mit Karsten Hutwelker gesprochen hatte und dann auf mich zukam, ob ich in dieser schwierigen Situation helfen kann, ging es in der Tat sehr schnell. Ich wohne nach wie vor in Wuppertal, habe eine lange Vergangenheit beim WSV und nach wie vor Bezug zum Klub. In den letzten Jahren hatte ich zwar eine gewisse Distanz aufgebaut, was auch nötig war. Aber gerade die äußerst angespannte Lage hat meine Motivation und meinen Ehrgeiz geweckt, so schnell wie möglich für Ruhe und Stabilität zu sorgen und beim Kampf um den Klassenverbleib zu helfen.

Sie machen den Job neben Ihrer hauptberuflichen Tätigkeit im sozialen und pädagogischen Bereich bei einer gemeinnützigen Wuppertaler Gesellschaft ehrenamtlich. Mal ehrlich: Muss man dafür nicht – im positiven Sinne – ein wenig verrückt sein?
Meine früheren Mitspieler werden Ihnen bestätigen, dass ich schon als Torhüter positiv verrückt war. Daran hat sich wohl nicht viel geändert. (lacht) Aber Spaß beiseite: Ich weiß nur zu gut, wie zeitaufwendig und stressig der Job beim WSV sein kann. Die vier Monate bis zum Saisonende sind aber ein überschaubarer Zeitraum, in dem ich so viel wie möglich investieren werde, damit wir unser großes Ziel erreichen. Nur das zählt.

Nach Andreas Zimmermann, dem zwischenzeitlich eingesprungenen Karsten Hutwelker und Alexander Voigt ist Pascal Bieler bereits der vierte Cheftrainer in dieser Saison. Kein gutes Zeichen, oder?
Definitiv nicht. Grundsätzlich bin ich ein Freund von Kontinuität, von schlauen Entscheidungen sowie von nachhaltiger und konzeptioneller Arbeit. Es bringt jetzt aber auch nichts, nach hinten zu schauen. In den nächsten Wochen und Monaten geht es darum, genügend Punkte zu sammeln. Nicht mehr und nicht weniger. Das wird schon schwer genug. Wir stehen aktuell zwar über dem Strich, aber die Tabelle ist durch zahlreiche Nachholspiele auch noch sehr schief. Ganz klar: Wir befinden uns mitten im Existenzkampf. Es wird ein langer und schwieriger Weg.

Die meisten Wintertransfers waren bei Ihrem Amtsantritt schon über die Bühne gegangen. Erst nach dem überraschenden Wechsel von Nedim Pepic zu Fortuna Köln haben Sie kurzfristig noch Verteidiger Hassine Refai von Rot-Weiß Erfurt geholt und Mittelfeldspieler Karoj Sindi reaktiviert. Ist der Kader stark genug für den Klassenverbleib?
Das sehe ich auf jeden Fall so. Wie gesagt: Es wird schwierig, aber es ist möglich. Dabei wird uns nichts geschenkt, jeden Punkt müssen wir uns hart erarbeiten. Voraussetzung dafür ist, dass die Mannschaft voll mitzieht. Diesen Eindruck habe ich bisher definitiv. Das ist positiv und stimmt mich optimistisch. Der Heimsieg gegen den VfB Homberg, einen direkten Konkurrenten, hat auf jeden Fall gutgetan. Aber es warten noch schwere Aufgaben.

Gegen Homberg waren gut 1.500 Zuschauer im Stadion. Wie sehr spüren Sie die Unterstützung der Fans und des Umfelds?
Das muss alles erst wieder wachsen. Ohne Schuldzuweisungen vorzunehmen: In den letzten Jahren ist schon einiges kaputtgegangen. Das macht sich eben auch bei den Zuschauerzahlen bemerkbar. Ich weiß aber auch: Der WSV ist nach wie vor ein großes Gesprächsthema in der Stadt, besitzt immer noch Strahlkraft, auch wenn die besten Zeiten lange zurückliegen. Umso wichtiger ist es, professionell und seriös zu arbeiten, um die Leute zu überzeugen und zurückzugewinnen.

Das dürfte auch oder gerade für den wirtschaftlichen Bereich gelten. Wie angespannt ist die Lage wirklich?
Eines kann ich Ihnen versichern: Wenn man mir nicht glaubhaft versichert hätte, dass beispielsweise die Gehaltszahlungen in den nächsten Monaten abgesichert sind, dann hätte ich den Job nicht übernommen. Dennoch bewegen wir uns auf einem sehr schmalen Grat, weil der WSV aus meiner Sicht über einige Zeit hinweg zu sehr ins Risiko gegangen war. Aktuell sind wir deshalb weit davon entfernt, perspektivisch denken und arbeiten zu können. Da möchte ich aber gerne wieder hinkommen.

Wie soll das gelingen?
Es gibt bereits vielfältige Bemühungen unseres Vorstandes um Alexander Eichner und Melanie Drees, aber auch der weiteren Vereinsgremien wie dem Verwaltungsrat, um die wirtschaftlichen Bedingungen durch die Unterstützung von Sponsoren, aber auch der Stadt Wuppertal weiter zu verbessern. Wem der WSV am Herzen liegt, der ist aufgerufen zu helfen. Nur wenn wir – auch innerhalb des Vereins – wieder eine Einheit herstellen, dann können wir auch zuversichtlich in die Zukunft schauen.

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1 Kommentar

  1. Ich denke, dass die Zuschauer in Wuppertal und Umgebung direkt durch die Zeitung aufgefordert werden sollen, wieder ins Stadion zu kommen, um auf diese Weise dem WSV finanziell zu helfen. Es muss endlich wieder Ordnung in die Spitze des Vereins kommen. Sparen allein bringt nicht viel. Es müssen vielleicht von jedem, der dem WSV helfen will, eine einmalige Spende erbracht werden, um viele kleine Gläubiger zu beseitigen. Auch muss man dafür sorgen, dass man talentierte Spieler behält und nicht mehr verliert wie bisher.

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