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Willi „Ente“ Lippens: Auch mit 75 Jahren immer in Bewegung

RWE-Idol äußert sich im exklusiven Interview für Fachmagazin „kicker“.
Für seine Tore, Tricks und den unnachahmlichen Watschelgang, aber auch für seine Sprüche und Späße liebten nicht nur die Fans des früheren Bundesligisten Rot-Weiss Essen den legendären Linksaußen Willi „Ente“ Lippens. Der Rekordspieler und -torschütze des Traditionsklubs von der Hafenstraße feierte jetzt bei bester Gesundheit seinen 75. Geburtstag. Obwohl der einmalige niederländische Nationalspieler auch für Borussia Dortmund, Rot-Weiß Oberhausen und in den USA am Ball war, schlägt sein Herz für RWE.

MSPW-Redaktionsleiter Ralf Debat sprach für das Fachmagazin „kicker“ exklusiv mit Willi Lippens.

Herzlichen Glückwunsch zum 75. Geburtstag, Herr Lippens! Konnten Sie Ihren Ehrentag genießen und was bedeutet Ihnen diese Zahl?
Ich sage es mal so: Diese Zahl muss man erst einmal erreichen. Allein das ist ja schon nicht selbstverständlich. Wenn man dann noch geistig und körperlich gut dabei ist und auch im Alter aktiv am Leben teilnehmen kann, ist es umso schöner. Wir haben auf unserem Hof ein von unserer Familie geführtes Restaurant. Da konnten meine Frau Monika und ich uns mal richtig verwöhnen lassen.

Wegen des erneuten Corona-Lockdowns müssen Ihr Gasthof „Mitten im Pott“ und das Restaurant „Ich danke Sie“, das an Ihren wohl bekanntesten Spruch erinnert, im November für Publikum geschlossen bleiben. Wie sehr macht Ihnen das zu schaffen?
Es ist auf jeden Fall nicht einfach, auch wenn es die Unterstützung des Staates gibt. Niemand konnte diese Situation vorhersehen. Deshalb ist es auch so schwierig, mit ihr umzugehen. Wir versuchen, diese Phase so gut wie möglich zu überstehen und auch unsere Mitarbeiter weiter zu beschäftigen. Aber die Krise frisst schon ein Stück vom Speck weg.

Sie waren und sind immer für einen Spaß zu haben. Können Sie auch die Corona-Zeit noch mit Humor nehmen?
Ich bleibe auf jeden Fall positiv. Solange wir über die Runden kommen, will ich mich nicht beklagen. Die Gesundheit steht immer an erster Stelle. Dass wir den Hof mit unserer großen Familie bewohnen und betreiben, ist gerade jetzt auch ein großer Vorteil.

Bei der Verabredung des Gesprächstermins waren Sie gerade bei der Gartenarbeit. Machen die Knochen noch so gut mit?
Es geht schon. (lacht) Ich klopfe dreimal auf Holz, damit es auch so bleibt. Ich versuche, immer in Bewegung zu bleiben und mit anzupacken. Bei einem Gelände von drei Hektar gibt es schließlich immer etwas zu tun. Nach meiner aktiven Karriere habe ich mir gesagt: Was du mit den Füßen konntest, muss dir jetzt eben mit den Händen gelingen. Das klappt ganz gut und hält mich jung.

Unzählige Geschichten und Anekdoten begleiteten Ihre Karriere: Gibt es auch noch Geschichten von „Ente“ Lippens, die noch nicht erzählt wurden?
Ganz ehrlich: Ich glaube nicht. Dafür bin ich schon zu lange raus. Deshalb werden die „ollen Kamellen“ immer wieder gebracht und aufgewärmt. Gerade auch zu meinem Geburtstag.

Dann fragen wir mal anders: Im heutigen Fußball wird oft beklagt, dass es keine echten Typen, geschweige denn Originale, mehr gibt. Bedauern Sie das auch?
Es ist schade, dass die Freiräume so klein geworden sind. Für meinen Geschmack werden die Jungs zu früh in Schablonen gepresst. Da ist es schwer, sich als Persönlichkeit zu entwickeln. Auch ich habe früher nicht nur Quatsch gemacht, war kein Kasper. Ich wusste schon, wann es Zeit wird, den Ball reinzuhauen, statt den Gegenspieler zu narren. Mir ist es aber ganz gut gelungen, Show und Zweckmäßigkeit zu verbinden. Das mochten die Leute.

Da müssten Sie ja beispielsweise an den außersportlichen Schlagzeilen um Max Kruse durchaus Gefallen finden, oder?
Max ist extravagant, ein dankbarer Typ für die Presse. Solange er sich im rechtlichen Rahmen bewegt und die gesetzlichen Regeln befolgt, finde ich die Freiheiten, die er sich nimmt, völlig in Ordnung. Voraussetzung ist natürlich, dass auch seine sportliche Leistung stimmt. Das ist offenbar der Fall.

Ihr langjähriger Verein Rot-Weiss Essen führt nach einem guten Saisonstart die Tabelle in der Regionalliga West an. Könnte es diesmal mit dem ersehnten Aufstieg in die 3. Liga klappen?
Ich hoffe es sehr und drücke seit Jahren die Daumen. Es wird Zeit, dass wir mal wieder etwas zum Feiern haben. Ich würde es vor allem den Fans gönnen, die sehr leidensfähig sind und von ihren Kollegen aus den Nachbarstädten viel einstecken müssen.

Seit inzwischen mehr als zwölf Jahren kommt RWE nicht mehr über die 4. Liga hinaus, obwohl Stadion, Umfeld und vor allem die treuen Fans alle Voraussetzungen für Profifußball bieten. Wie erklären Sie sich das?
Na ja. Im Moment sieht es ja nicht so schlecht aus. Deshalb bringt es auch nichts, jetzt nachzukarten. Der Verein lebt noch und die Fans rennen RWE auch weiter die Bude ein, wenn sie es denn dürfen. Ich selbst wurde damals auch vom Publikum und von der Atmosphäre an der Hafenstraße getragen. Daher weiß ich, wie wichtig das für den Verein ist. Wir alle hoffen, dass das Stadion so bald wie möglich wieder gut gefüllt sein darf.

Vor wenigen Jahren hatte der Verein mit einem Augenzwinkern einen Spielerpass für Sie beantragt und Ihnen die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Ist auch Ihr Rat gefragt?
Mein Rat weniger. Schließlich reden wir hier ja vom modernen Fußball. Davon haben wir Alten doch keine Ahnung. Zu unserer Zeit war der Ball noch eckig und aus Holz.

Wie intensiv verfolgen Sie denn das Geschehen bei RWE, aber auch die Bundesliga?
Fußball ist mein Leben, neben der Familie und der Gesundheit das Wichtigste. Deshalb bin ich schon ganz gut auf dem Laufenden. Die Leute sollen nicht sagen, der Lippens hat doch dem Fußball alles zu verdanken und jetzt kümmert er sich nicht mehr darum.

Was verbindet Sie heute noch mit Ihrer aktiven Laufbahn?
Besonders schön ist es, Freunde für das Leben gewonnen zu haben. Mit Hansi Dörre habe ich beispielsweise zwölf Jahre lang bei RWE in den Trainingslagern und bei Auswärtsspielen immer auf einer Bude gepennt. Wir waren fast schon wie ein Ehepaar. Das schweißt zusammen. Obwohl er schon seit vielen Jahren in der Nähe von Bad Honnef wohnt, treffen wir uns zumindest viermal im Jahr, telefonieren regelmäßig.

Einen kleinen Teil Ihrer Karriere haben Sie auch in den USA verbracht. Ihr Sohn Martin lebt seit 25 Jahren in den Staaten. Wann waren Sie zuletzt dort?
Das war im September 2019. Corona macht ja auch das Reisen schwieriger bis unmöglich. Martin lebt in Austin in Texas. Also nicht allzu weit entfernt von Dallas, wo ich damals für ein Jahr gespielt habe.

Wie sehr haben Sie den Wahl-Krimi um die Präsidentschaft verfolgt?
Sehr interessiert natürlich. Ich hoffe, dass es der künftige Präsident Joe Biden gut machen wird. Aber das müssen wir abwarten. Es wird für ihn mit Sicherheit eine riesige Bewährungsprobe – wirtschaftlich, aber vor allem auch gesellschaftlich.

Gerd Müller, der erfolgreichste deutsche Torjäger aller Zeiten, ist nur wenige Tage älter als sie. In zahlreichen Duellen standen Sie sich gegenüber. Der „Bomber der Nation“ ist schwer an Alzheimer erkrankt. Wie sehr nehmen Sie daran Anteil?
Es tut mir weh, wie schwer der Gerd gezeichnet ist. Ein solches Schicksal wünscht man niemanden, erst recht keinem Fußballkameraden. Damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt unseres Gespräches: Nichts geht über die Gesundheit.

Was wünschen Sie sich sonst für die Zukunft?
Dass es unserer Familie gut geht, dass wir alle auf dieser Welt friedlich zusammenleben und dass jeder die Chance bekommt, sich bestmöglich zu entwickeln. Das wäre mein größter Wunsch.

Interview: Ralf Debat/MSPW für „Kicker Sportmagazin“

Foto (Quelle Rot-Weiss Essen): Willi Lippens (rechts) mit dem langjährigen RWE-Mannschaftsbetreuer Klaus-Peter Zimmert, der für den Verein zum Geburtstag gratulierte.

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