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„Bitter Sweet Symphony“: Spielabbruch in Essen und die Folgen

Tabellenführer droht jetzt Niederlage am „grünen Tisch“.
Alles war angerichtet im Stadion an der Hafenstraße: 10.000 Zuschauer erlebten in dem unter Corona-Bedingungen ausverkauften Stadion ein intensives, wenn auch nicht hochklassiges Top-Spiel zwischen Spitzenreiter RWE und Verfolger SC Preußen Münster. Kurz vor der Pause verwandelte Thomas Eisfeld (45.) einen Foulelfmeter zur Führung der Gastgeber, bei denen Co-Trainer Lars Fleischer seinen „Chef“ Christian Neidhart (Corona-Infektion) vertrat. In der zweiten Halbzeit glich Gerrit Wegkamp (72.) zum 1:1 aus.

Zu diesem Zeitpunkt schien zwischen den beiden Aufstiegsaspiranten noch alles möglich, Hochspannung für die Schlussphase garantiert. Bis es jedoch zu einem verhängnisvollen Böllerwurf aus dem Essener Fanblock kam, der den sportlichen Vergleich der beiden Traditionsklubs und das Titelrennen in der Regionalliga West in den Hintergrund rückte. Über Fußball sprach danach niemand mehr.

Der Böller landete direkt vor den Füßen der sich aufwärmenden Preußen-Spieler Marvin Thiel und Jannik Borgmann. Thiel hielt sich sofort die linke Gesichtshälfte. Schiedsrichter Christian Scheper (Emstek) unterbrach nach kurzer Besprechung auf dem Rasen – auch mit SCP-Trainer Sascha Hildmann – die Partie und schickte beide Teams in die Kabinen. Aus den Boxen dröhnte – vielleicht war es gewollt – „Bitter Sweet Symphony“ der britischen Band „The Verve“, gleich danach „Don’t look back in Anger“ von Oasis. Bittere Symphonie und nicht im Ärger zurückschauen – war das der Tenor aus diesen beiden Songs für die zunächst 15-minütige Unterbrechung? Stand das Spiel vor dem Abbruch oder wollte der Referee nur für etwas Ruhe sorgen?

Jedenfalls erinnerte sich so mancher Preußen-Anhänger gleich auch den Böllerwurf von Osnabrück vor zehn Jahren. Damals explodierte ein sogenannter Polen-Böller in einem Kabinengang und verletzte 35 Menschen. Der Täter wurde damals zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Bereits im Hinspiel hatten gewaltbereite Essener Anhänger nach dem Abpfiff für einen Sturm der Gegentribüne im Preußenstadion und Randale gesorgt. Es gab 30 Verletzte und zwei Festnahmen, außerhalb der Stadion hatte die Polizei die Situation schnell kontrolliert. Beide Vereine wurden zu Geldstrafen verurteilt: RWE musste 5.000 Euro Strafe zahlen, Preußen Münster als Gastgeber 1.500 Euro.

Schnell wurde klar: Marvin Thiel erlitt ein Knalltrauma und war von da an nicht mehr einsatzfähig. Er wäre sonst vermutlich wenig später für Lukas Frenkert eingewechselt worden. Auch Jannik Borgmann wurde nach einer Untersuchung durch Münsters Mannschaftsarzt Dr. Cornelius Müller-Rensmann und einen „neutralen“ Mediziner als nicht mehr spielfähig eingestuft. Damit war ein Abbruch unvermeidlich.

Nach 25 Minuten wurde es zur Gewissheit. In der Zwischenzeit waren bereits Szenarien mit den Sicherheitsbehörden abgestimmt worden, damit eine möglichst störungsfreie Zuschauer-Abreise gesichert werden konnte. In Kooperation mit Schiedsrichter Christian Scheper einigten sich die Vereine auf einen Spielabbruch. „Unerfreuliche Umstände“, nannte das Marcus Uhlig (auf dem Foto 2.v.l.), Vorstandsvorsitzender von RWE, sehr zurückhaltend. Und: „Heute werden wir das alles nicht aufklären können. Das war ein Feuerwerkskörper der heftigeren Art. Das ist nicht die Hafenstraße, das ist nicht RWE.“

Uhlig kündigte an, alles zu unternehmen, um den oder die Täter dingfest zu machen und zur Rechenschaft ziehen zu können. Das allerdings dürfte auch nur wenig an den Folgen ändern, mit denen die Essener jetzt rechnen müssen, wenn sich die Sportgerichtsbarkeit des Westdeutschen Fußballverbandes (WDFV) mit dem Fall beschäftigt. Dort dürfte RWE eine Niederlage am „grünen Tisch“ drohen. Auch Geisterspiele oder zumindest Zuschauer-Teilausschlüsse sowie weitere Strafen könnten zur Debatte stehen.

Preußen-Sportchef Peter Niemeyer zeigte sich geschockt, nachdem zwei seiner Spieler verletzt worden waren: „Das sind Szenen, die keiner will.“ Natürlich habe man mit dem Referee auch über die Fortsetzung der Partie besprochen. So wäre bei einem Wiederanpfiff ein erneuter Seitentausch vollzogen worden. Weiterzuspielen war für beide Vereine eine Option, am Ende aber entschied man sich dagegen.

Foto-Quelle: Marcel Rotzoll

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