Berufsfahrer-Champion in drei von Hauptrennen nicht zu bezwingen.

Sulky-Sport, gepaart mit Eleganz: Das war am Sonntag das Motto auf der Trabrennbahn in Berlin-Mariendorf: Die Organisatoren hatten den Renntag anlässlich ihres 100. Geburtstages der Film-Ikone Marilyn Monroe gewidmet und passend dazu und außerdem mit Hinblick auf den Best-Dressed-Bewerb um lukrative Preise hatten sich viele Besucher im Stil der 1950er-Jahre gekleidet. Da auch der Wettergott mitspielte und die morgendlichen Regenwolken rechtzeitig verschwanden, war das Ambiente also perfekt und wurde dem Anlass gerecht. Denn es ging nämlich der Vorhang auf für die erste große Derby-Vorprüfung, das schon seit 1922 ausgetragene Adbell-Toddington-Rennen. Im Vorfeld des mit 20.000 Euro dotierten Hauptlaufs musste das Publikum jedoch zunächst einmal eine wenig erfreuliche Überraschung verdauen. Denn mit den Hengsten Victus und Harry Angel sowie dem Wallach Aurelio waren gleich drei chancenreiche Mitfavoriten dem Start ferngeblieben.
Die Teilnehmerzahl des Klassikers war daher auf nur fünf Pferde geschrumpft. Doch was die Zuschauer dann zu sehen bekamen, war etwas Unglaubliches – ein Pferd von einem anderen Stern. Natürlich war dem für die Farben der Familien Schwarz und Pietsch laufenden Europarekordler Blizzard Diamant ein großartiger Ruf vorausgeeilt, natürlich hatten seine Gegner daher gebührlichen Respekt. Aber dass sie es noch nicht einmal wagten, den von Paul Hagoort trainierten und von Robin Bakker gesteuerten Wallach auch nur ein wenig auf die Probe zu stellen – geschweige denn ernsthaft herauszufordern – sagt eigentlich alles. Und das, obwohl er noch nicht einmal die Spitze bekommen hatte, sondern der deutsche Berufsfahrer-Champion Michael Nimczyk das Kommando mit Pirate Newport ergattern konnte, einem vom Können her ebenfalls überaus exquisiten Traber.
Doch als Robin Bakker im ersten Bogen bei seinem Konkurrenten vorsichtig anklopfte, ließ ihn Michael Nimczyk sofort vorbei. Und machte Blizzard Diamant damit indirekt das größte Kompliment, das man einem gegnerischen Pferd aussprechen kann. Denn der „Goldhelm“, der ein Rennen taktisch einschätzen kann wie kaum ein anderer, wusste ganz genau, dass er – zumindest an diesem Tag – keine Chance gegen den vierbeinigen Sturmwirbel haben würde. Gegen jeden anderen Konkurrenten hätte Nimczyk todsicher dagegengehalten, aber nicht gegen einen fantastischen und alles überragenden Blizzard Diamant. Der bundesdeutsche Champion lag mit dieser Einschätzung völlig richtig. Denn obwohl sein Schützling Pirate Newport selbst höllisch schnell ist, kam der Wallach trotz Idealverlaufs an zweiter Stelle innen auch nicht ansatzweise an den überlegen vorausstiefelnden und mit fünf Längen Vorsprung triumphierenden Blizzard Diamant heran und musste sich mit dem Ehrenrang zufrieden geben. Wohl nur selten in der Geschichte des Adbell-Klassikers hat man einen Sieger gesehen, der eine derartige Autorität ausgestrahlt hat wie Blizzard Diamant.
Schnellster Adbell-Stutenlauf aller Zeiten
Der Willicher Michael Nimczyk wurde also „nur“ Zweiter. Dafür hielt er sich nur wenig später in dem mit 10.000 Euro dotierten Adbell-Stutenlauf mit der in den Farben von Albert Darboven laufenden Ama Mia schadlos. Dass er mit der kleinen Schwester des Derby-Zweiten Aladin tatsächlich noch mehr Gas geben musste, als es Blizzard Diamant zuvor im Hauptlauf getan hatte, verblüffte den „Goldhelm“ allerdings sehr. Denn Alma Mia lief bei ihrem überlegenen Drei-Längen-Sieg die schnellste Zeit, die jemals in einem Adbell-Stutenlauf getrabt wurde. Dass das Rennen derartig rasant verlief, lag vor allem an Choupette (Thorsten Tietz), die an der Spitze kaum zu regulieren war und auf der Anfangsrunde ein enormes Tempo vorgelegt hatte. Als dann Michael Nimczyk der an dritter Stelle hinter Choupette und Brownie Diamant (Robbin Bot) platzierten Alma Mia Ende der Gegenseite das entscheidende Zeichen gab, stürmte die Stute im Rush vorbei und auch Brownie Diamant konnte noch an der trotz ihres ungestümen Temperaments tapfer durchhaltenden Choupette vorbeiziehen.
Michael Nimczyk beherrschte auch den zweiten Lauf der Gold-Serie um 20.000 Euro Preisgeld und zog mit Trogir (Foto) in den Winner Circle ein. Auf der Meilendistanz verbesserte der Wallach, der zweifellos einer der großen Publikumslieblinge ist und nahezu jeden in seinen Bann zieht, seinen persönlichen Rekord um eine Zehntelsekunde, was zugleich die Tagesbestzeit darstellte. Und zwar in unvergleichlicher Manier. Denn noch auf der Gegenseite hatte Trogir das Schlusslicht des siebenköpfigen Feldes gebildet. Doch als ihn Michael Nimczyk kurz vor dem Schlussbogen zum Angriff beorderte, erhöhte der Wallach problemlos die Schlagzahl und degradierte seine gewiss nicht schlechten Gegner regelrecht zu Statisten. Richtig spannend wurde es zweieinhalb Längen dahinter lediglich beim Kampf um die Plätze, zumal es im allgemeinen Gedrängel auch sehr eng wurde und die Rennleitung das Geschehen genau unter die Lupe nehmen musste. Rang zwei ging an Zoom Diamant (Robin Bakker), der an der Innenkante erst spät Freiraum fand, Platz drei an Sir Robert (Thorsten Tietz), der sich in dieser prominenten Gesellschaft überaus achtbar schlug.
Der „Goldhelm“ glänzte obendrein auch im vierten Lauf der Newcomer-Serie um 6.000 Euro Preisgeld in der Nachmittagssonne. Nur ein einziges Rennen – und dies auch nur aufgrund einer Galoppade – hatte Pipa Massive in ihrer vorzüglichen Laufbahn bisher verloren. Und diesen Ausrutscher korrigierte die Stute nunmehr umgehend. Ihr Auftritt war großartig, denn verglichen mit ihren sechs Gegnern war die Vierjährige – wie es im Rennbahnjargon heißt – ganz andere Ware. Die Braune musste zwar dem am Ende zweitplatzierten Jaguar Gardenia (Michael Hönemann) beim Kampf um die Führung zunächst den Vortritt lassen, drehte den Spieß aber zu Beginn der Schlussrunde um. Was dann folgte, war eine einzigartige Demonstration. Pipa Massive ging auf der Zielgeraden auf und davon und gewann mit zehn Längen Vorsprung.
Foto-Quelle: Lingk/Trabrennverein Berlin-Mariendorf
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