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Jürgen „Kobra“ Wegmann: Ein Treffer wie Bruce Lee

Verpasstes „Tor des Jahrhunderts“ schmerzt auch nach exakt 30 Jahren.


Von Franz Josef Colli

Jürgen Wegmann (54) hat in seiner Fußballerkarriere viele Treffer erzielt. In der Jugend für Rot-Weiss Essen waren es nach eigenen Aufzeichnungen 377. In der 2. Bundesliga 34, in 203 Bundesligaspielen für Borussia Dortmund, Schalke 04 und Bayern München zappelten die Wegmann-Schüsse 69 Mal in gegnerischen Toren. Rund 6,9 Millionen D-Mark an Ablösesummen flossen für den nur 1,72 m großen Instinktfußballer zwischen 1981 und 1989 durch die Vereinkassen von RW Essen, vom BVB, Schalke und Bayern München. Jürgen Wegmann hat alles aufgezeichnet. Über ein Tor, das er nach Vorlage des Ex-Schalker Nationalspielers und Trainingslager-Zimmergenossen Olaf Thon zum 1:0-Sieg von Bayern München in der Saison 88/89 gegen den 1. FC Nürnberg erzielte und das mit dazu beitrug, dass die Bayern in dieser Saison Deutscher Meister wurden, ereifert sich Wegmann noch heute, obwohl dieses Traumtor am heutigen Montag (26. November) bereits exakt 30 Jahre zurückliegt.

„Ja“, sagt Olaf Thon. „Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Ich bekam den Ball etwa in Höhe der Mittellinie, flankte ihn in den Nürnberger Strafraum zu Jürgen. Der schnellte in die Höhe, traf das Leder mit einer akrobatischen Seitfallbewegung, unhaltbar. Es war zweifellos das Tor seines Lebens. Ich selbst bin sogar noch stolz darauf, ein Teil dieses Zaubertores gewesen zu sein“, so Thon.

Jürgen Wegmann hatte sich auf diesen und ähnliche Treffer jahrelang vorbereitet. Nach dem Training bei den Essener Rot-Weissen legte er in jeder freien Minute Sonderschichten ein. Ganz für sich allein eiferte er Bruce Lee (im großen Foto eingeklinkt), einem auch aus diversen Filmen bekannten US-Kung-Fu-Kampfkünstler, nach. „Bruce Lee war eine Legende, der seinen Körper beherrschte wie kaum ein anderer“, weiß Wegmann über sein Vorbild. „Ich wollte so sein wie Bruce und träumte davon, einmal mit einem artistischen Kung-Fu-Sprung ein Tor zu zaubern. Das ist mir mit dem Treffer für die Bayern gegen Nürnberg gelungen.“

Der Siegtreffer zum 1:0 wurde tatsächlich in der ARD-Sportschau 1988 zum „Tor des Jahres“gewählt , bekam von nicht weniger als 133.000 Fußballfans aus ganz Deutschland die meisten Stimmen.

Jahre später suchte die Redaktion von RTL anlässlich des hundertjährigen Jubiläums von Bayern München das „Tor des Jahrhunderts“ beim deutschen Rekordmeister. Günter Jauch moderierte und verkündete auf der Gala das für Wegmann niederschmetternde Ergebnis: „Sieger ist Gerd Müller, der Bomber der Nation aus Bayern.“

„Ein Witz“, entfuhr es Wegmann, der selbsternannnten „Kobra, der giftigsten aller Schlangen“, wie er sich einst selbst bezeichnet hatn. „Der ausgewählte Treffer von Gerd Müller war ja nicht einmal Tor des Jahres. Der Gerd hatte beim 9:0-Sieg der Bayern gegen Tennis-Borussia Berlin fünfmal ins Schwarze getroffen. Ein Tor davon gelang ihm im Sitzen. Und das wurde dann zum Tor des Jahrhundert gekürt und mit dem Goldenen Schuh für Müller belohnt“, ist Wegmann immer noch gekränkt. Auch darüber, dass er zur TV-Sendung nicht einmal eine Einladung erhalten hatte.

Dass auch der einstige Nationaltorwart Oliver Kahn sich später äußerte „das Tor der Kobra hätte es auch verdient gehabt“, war nur ein schwacher Trost für Wegmann. Jahre später, als sein Stern – begleitet durch eine Reihe von Misständen im privaten Umfeld – längst gesunken war, spendierten ihm zwei Freunde aus Essen eine Kopie des „Goldenen Schuhs“, der an Gerd Müller vergeben worden war.

„Aber die Kopie, die in meiner kleinen Wohnung einen Ehrenplatz bekommen hat, ist eben nicht das Original. Ich hätte mit dem Original einiges erreichen können, dachte an eine große Spendenaktion für an Alzheimer erkrankte Kinder. Ein Jammer, das daraus nichts werden kann“, weint Wegmann seinem verfehlten „Tor des Jahrhunderts“ noch immer hinterher.

Die Situation heute: Kein Job, Sportinvalide, ein Führerschein, aber kein Auto, zwei Kinder mit zwei verschiedenen Frauen, er wohnt alleine. Vielleicht liegt in diesen Umständen der Schlüssel für seinen wohl bekanntesten Spruch „erst hatten wir kein Glück. Und dann kam auch noch Pech hinzu.“ Zweifellos hatte er seine Schlagzeilen-Ära zu D-Mark-Zeiten vor rund 30 Jahren. Würde er heute torgefährlicher Profi-Fußballer sein, er wäre wohl mehrfacher Millionär. Euro-Millionär!

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